Rückschau auf Ulla Hahn: Das verborgene Wort

Lesen – ein Rettungsanker

Zwei neue Herausforderungen stellte der autobiographische Entwicklungsroman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn für den Literaturkreis dar: Rund 600 Seiten und diese noch oft im rheinischen Dialekt geschrieben!

Insbesondere die in Süddeutschland aufgewachsenen Leser mussten sich an das „Dondorfer Platt“ gewöhnen. Dabei half auch das von der Autorin angefügte Wörterverzeichnis am Ende des Buches. Gleichzeitig erfreuten sich die norddeutschen Bücherwürmer über die heimelige Sprache. Und manche Teilnehmer lasen das Buch bereits zum Zweitenmal.

Einigkeit herrschte darüber, dass die Hauptfigur Hildegard oder auf Kölsch „Heeldejaad“ in ihrer Familie zwar physisch versorgt war, jedoch geistig-seelisch extrem vernachlässigt wurde. Bedrückende geistige Enge, Armut, Bigotterie, Gewalt und eine große Intoleranz gegen Andersdenkende sowie Andersaussehende prägen „Heeldejaads“ Milieu im dörflichen Deutschland der 50-ziger Jahre.
Die Mutter denunziert ihre Tochter als „Teufelsbraten“ und droht. „Waat, bes dä Pap no Hus kütt !“.Der Vater schlägt sein Kind blutig. Hildegards „Seele aber lebte in den Wörtern“ (S.85). Bücher „sollten sich um mich kümmern“ (S.376).
„Dat Kenk“ soll aber etwas „Anständiges“ lernen. Aus Sicht dieser Arbeiterfamilie und deren rigiden katholischen Dorfgemeinschaft zählt dazu – besonders für ein Mädchen – weder die höhere Schule noch das Lesen von Büchern oder das Erlernen der hochdeutschen Sprache.

Einige Lesererinnen erinnerten sich an die beschriebene Zeit, in der Frauen nur mit Einwilligung ihres Ehemannes einer bezahlten Arbeit nachgehen durften oder eine Heirat zwischen einer Katholikin und einem Evangelischen unvorstellbar war. Für nach 1970 geborene Leser war es gefühlsmäßig bisweilen weit entfernt, dass beispielsweise bis 1977 eine Ehefrau in der Bundesrepublik Deutschland nur mit der schriftlichen Zustimmung ihres Ehegatten eine Erwerbsarbeit aufnehmen durfte.

Klassische Autoren wie Friedrich von Schiller, Rainer Maria Rilke, Gottfried Keller und Gottfried Ephraim Lessing „kümmern“ sich – neben Pfarrer, Lehrer und Buchhändler – um Hildegard und befriedigen ihren Wissensdurst.

Resümee:

Ein anspruchsvolles, viel Zeit benötigendes Buch.

Literatur, die in die Tiefe geht.

Ein Roman, der aufzeigt, wie wichtig einfühlsame Beziehungen für die psychische Gesundheit sind.

Eine Hommage an das Lesen.

Petra Franek

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