Monatsarchiv: Juli 2012

Vorschau auf September

Nach der Sommerpause im August geht der Literaturkreis am Donnerstag, 20. September in den Bücherherbst. Besprochen werden dann zwei Geschichten von Ferdinand von Schirach, der Fälle aus seiner Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger vorstellt: Der Äthiopier aus dem Band „Verbrechen“ und Volksfest aus „Schuld“. Damit verbunden freuen wir uns auf eine rege Diskussion zum Thema „Was ist Literatur?“. Die Frage kann durchaus subjektiv beantwortet werden oder denken Sie an das Argument „Auch ein Telefonbuch ist Literatur“?  Wir sind gespannt. Aufgeschoben aber nicht aufgehoben wurde der Vorschlag, gemeinsam eine Geschichte zu besprechen, die im Literaturkreis laut vorgelesen wird: Entweder Schirachs Geschichten eignen sich nicht wegen der Länge oder es kommt aus ethischen Gründen für uns nicht in Frage.

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Rückschauf auf Melandri: Eva schläft

WUT

von Petra Franek

Zum Einstieg erörterten die Leser zum ersten Mal seit Bestehen des Literaturkreises genauer das COVER des gelesenen Buches. Eine blonde „Schönheit“ ziert sowohl die gebundene als auch die Taschenbuchausgabe des Debütromans von Francesca Melandri. Die abgebildete „Walküre“ trägt anscheinend eine Frisur im Stil der ukrainischen Politikerin Julija Tymoschenko. Genaueres zu einem solchen „Wagenrad“ oder „Zopfkranz“ folgt im Buch u.a. bei der Beschreibung einer Hotelbesitzerin.
„Klischeehaft“, fanden zwei Leserinnen diese dargestellte „Schönheit“. „Bücher mit Gesichtern bilden Aufmerksamkeitspunkte beim Käufer“, erklärte eine Dame, wie sie in einer Buchhändlerschulung erfuhr, „und werden deshalb gerne als Cover verwendet“.

Auch der HEYNE Verlag (Verlagsgruppe Random House Bertelsmann), bei dem die Taschenbuchausgabe erschien, rief bei Lesern „ein seichteres Lektüregefühl“ hervor.

Doch: „Eva schläft“ ist tiefgründig und insbesondere für Liebhaber Südtirols ein Juwel.

Die drei HAUPTFIGUREN: 

E V A, eine erfolgreiche Eventmanagerin und angeblich zufriedene Dauergeliebte des verheirateten Carlos e r h i e l t  v i e l e s in ihrem Leben n i c h t : einen Vater, Geschwister, einen Partner und Kinder. Eva spricht deutsch, besitzt einen italienischen Reisepass und lebt in Südtirol.

G E R D A, Mutter des „Bastards“ Eva, eine deutschstämmige Südtirolerin, die ein hartes Leben hatte. Sie arbeitete sich trotzdem von der Küchenhilfe zur Köchin hoch. Außer ihrer Schönheit besaß sie kaum etwas.

SÜDTIROL wurde nach dem 1.Weltkrieg – gegen den Willen seiner deutschsprachigen Einwohner – Italien zugesprochen. Italienisch als Amtssprache eingeführt, alle Ortschaften, Berge, Flüsse usw. italienisch unbenannt – so auch die Etsch, deren Oberlauf der Region fortan ihren neuen Namen verlieh. ALTO ADIGE.

Durch die staatlich geförderte Zuwanderung von Italienern sollten die Südtiroler zur Minderheit werden. 1939 mussten sie wählen, ob sie entweder „heim ins Reich“ umsiedeln („Optanten“) oder in der italienischen Provinz bleiben. Nach dem Krieg kehrten viele Optanten zurück. Auf ihren Höfen lebten jedoch mittlerweile Italiener.

Diese jüngere Geschiche Norditaliens verwebt die Italienerin Melandri mit der Familiengeschichte Evas bzw. deren Mutter Gerda. Sie beginnt vor rund 100 Jahren mit der Kindheit von Gerdas Vater Hermann und schließt mit der tragischen Liebe zwischen Gerda und dem Süditaliener Vito bzw. dessen bevorstehenden Tod ab.

Die flüssige SPRACHE Melandris beleuchtet auch die Problematik der ledigen Mutterschaft (Gerdas), die soziale Ausbeutung, die gesellschaftlichen Einstellungen zu Homosexualität und Suizid sowie den Terror in der damaligen Zeit. Der Text ist mit italienischer Sprache und dem südtiroler Dialekt angereichert. „Sie riefen nicht mehr Vofluicht oder Scheisszoig, sondern Madoja, Ostia, (…)“(S.64).
Außerdem glänzt die Autorin mit detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Alltagssituationen. Der Prolog, der anfangs vom Leser nicht eingeordnet werden kann, wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. 

Insgesamt über 30 Kapitel mit Jahresangaben wechseln sich mit Kilometerangaben-Kapiteln ab. Zwei einander zuarbeitende Erzählstränge – die Geschichte Südtirols mit der Zugreise Evas nach Kalabrien – und zwei Erzählperspektiven – mal wird aus Gerdas mal aus Evas Sicht berichtet – erzeugen zusätzliche Spannung.

Der Roman fordert auch durch den zeitlichen und räumlichen Wechsel erhöhte Aufmerksamkeit.

Fazit:

– Ein Buch für Leser, die sich für tiefgründige Literatur und für die geschichtlich-politischen Zusammenhänge Südtirols interessieren.

– Ein Buch, dass glücklicherweise über private Themen hinausblickt.

– Ein einfühlsames Buch, dass bei mir Wut über den Zustand „der Menschheit“ erzeugte.

Um mit den Worten der Autorin zu sprechen: „Vielen Dank, grazie mille, Donkschian“, Frau Melandri. Ihr Buch und die Beiträge der Gögginger Literaturkreisteilnehmer dazu bereicherten mein Leben.

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