Monatsarchiv: September 2012

Vorschau auf die nächsten Termine

„Adressat unbekannt“, so lautet der Titel des Buches, das wir am 11. Oktober besprechen werden. Gestaltet ist es als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtergreifung Eine dramatische Entwicklung auf wenigen Seiten (Leseprobe des Verlages). Der Text wurde 1938 als Fortsetzung in einer Zeitschrift veröffentlicht und geriet dann über sechzig Jahre lang in Vergessenheit. Der Buchvorschlag kam aus dem Teilnehmerkreis mit dem Hinweis, doch bitte das Nachwort (oder Vorwort je nach Ausgabe) von Elke Heidenreich erst am Schluss zu lesen.

Im November laden die Stadtteilbücherei Göggingen und die Buchhandlung Pfiffigunde zu einer Autorenlesung ein: Am 9.11. ab 19.30 Uhr ist der Journalist und Autor Christoph Koch mit seinem Buch Sternhagelglücklich zu Gast. Weitere Infos
Vor Weihnachten begeben wir uns am 13. Dezember gemeinsam in die Südstaaten der USA, im Jahr 1962. Dort spielt „Gute Geister“ von Kathryn Stockett, verfilmt unter dem Titel „The Help“ (auch die DVD ist in der Stadtteilbücherei Göggingen vorhanden). Skeeter, eine junge Weiße, will eigentlich nur weg aus dem tiefen Süden am Vorabend der Bürgerrechtsbewegung und M.L. Kings Marsch nach Washington und als Journalistin in New York leben. Sie verbündet sich mit zwei resoluten und lebensklugen Frauen, schwarze Dienstmädchen. Kathryn Stockett ist in Jackson, Mississippi, geboren und aufgewachsen, wo auch ihr erster Roman spielt.
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Rückschau auf Ferdinand von Schirach

SPEKTAKULÄR UNSPEKTAKULÄR

von Petra Franek 

Mit der Frage „Sind die Kurzgeschichten ´Der Äthioper´ und ´Das Volksfest´ von dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach Literatur ?“, began der erste Abend des Lesekreises nach der Sommerpause. Von den anwesenden 20 lesebegeisterten Damen antworteten dreizehn Leserinnen mit „Ja“, sechs Frauen mit „Nein“ und eine Teilnehmerin mit „Jein“. 

LITERATUR – GUTE LITERATUR 

„Literatur ist Text, Text ist Sprache und Sprache ist ein Mittel zur Kommunikation“, meinte eine Leserin, „von daher sind Schirachs Geschichten Literatur“. Dass nach dieser Definition auch Telefonbücher oder Comics zur Literatur zählen erzeugte bei einigen Anwesenden Unbehagen.“Unter Literatur versteht man gemeinhin sprachliche Drucker- zeugnisse jedweder Art“, schreibt Professor Hans-Dieter Gelfert in seinem Buch „Was ist gute Literatur ?“ (S.11, München 2004), welches auf dem Tisch im Lesesalon auslag. Nachdem es jedoch bis heute keine allgemeingültige Werteskala für den Begriff Literatur gibt, wurde die angeregte Erörterung der Frage „Was ist Literatur ?“ bzw. „Was ist gute Literatur ?“, erst einmal beendet um über den Lesestoff und dessen Autor zu sprechen.

FERDINAND VON SCHIRACH (www.schirach.de)
Der Wahlberliner Ferdinand von Schirach legt nachts Musik von Johann Sebastian Bach auf, raucht („Ohne Zigaretten kann ich nicht leben“) und schreibt. 2009 erschien sein literarisches Debüt „Verbrechen“, mit dem Untertitel „Stories“. Dafür erhielt der Rechtsanwalt Schirach 2010 den Heinrich von Kleist Preis. Aus diesem Erstlingswerk beschäftigte sich der Literaturkreis mit der Geschichte „Der Äthiopier“ (S.185-S.206).

DER ÄTHIOPIER
Der Autor erzählt in häufig kurzen Sätzen die Lebensgeschichte des Bankräubers Franz Xaver Michalka, dem „nichts glückte“ (S. 187)
„Er wurde ausgesetzt“ (S.186).
„Michalka blieb zweimal sitzen“ (S.188).
„Kinder stürmten auf ihn zu. Sie lachten. (S.192)
Nachdem die Hauptfigur sechs Jahre in Äthiopien lebt, werden die Behörden auf ihn aufmerksam (S.196).

Mit „hohem Unterhaltungswert“ bis „tiefstes Hollywood“ bezeichneten die Leserinnen Schirachs „Äthiopier Story“. Textstellen, die eine Leserin zum Schmunzeln brachten, z.B. „Ein Polizeiwachtmeister, der den ganzen Tag auf dem Revier Berichte geschrieben hatte und sich gelangweilt hatte, rannte zu ihm, er wollte der Erste sein“ (S.186), fand eine andere Leserin schlichtweg geschmacklos. „Nach sechs Monaten in Adis Abeba beschloss er seinem Leben ein Ende zu setzen, Bilanzselbstmord“ (S.190).

RECHTSANWALT FERDINAND VON SCHIRACH (geb.1964)
Sein Beruf sei „eine Art Rettung“ gewesen, berichtete Schirach in einem Interview (www.zeit.de vom 21.11.2010). Denn er fühlte sich „immer fremd. Zu Hause in der Familie und erst recht außerhalb (…) Die Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper würden dieses „Grundgefühl der Distanziertheit und Leere“ gut ausdrücken. „Kann er deswegen so nüchtern, distanziert und lakonisch schreiben ?“, fragte sich eine Teilnehmerin.  

„VOLKSFEST“
Die erste Erzählung aus dem zweiten Kurzgeschichtenband „Schuld“ – es erschien ein Jahr nach „Verbrechen“ – nannte der Autor „Volksfest“.
Auch dabei bedient sich der Autor wieder des parataktischen Stils und tiefgründigen Anaphern: „Es waren ordentliche Männer, mit ordentlichen Berufen: Versicherungsvertreter, Autohausbesitzer, Handwerker“ (S.7).
(…), und der Rhythmus auf der Tanzfläche wurde zum Rhythmus der Männer, (…) (S.10)
Er schreibt klar und knapp. Er führt weder das Opfer, noch die Tat oder die Vergewaltiger sensationslüstern vor und verfügt nicht über die Gedanken seiner Figuren. Schirach berichtet mitleidslos über einen Berufsalltag, der den meisten Leserinnen fremd war. Emotional gefärbte Äußerungen wie „auf jeder Seite der Akte konnte man die Wut spüren, die Wut der Polizisten, die Wut des Staatsanwalts und die Wut der Ärzte“. (S.14 f) oder(…) redete ich zuviel, so wie man eben redet, wenn man jung ist und meint, alle sei besser, als zu schweigen“ (S. 15 f) sind eine weitere persönliche Stilnote.

Die angeregte Diskussion über das „Volksfest“ brachte u.a. Äußerungen wie „Die Realität ist noch schlimmer“ hervor.
Der Schriftsteller bietet den Lesern einen stringenten Erzählaufbau. Er verwendet Sprachmittel, die eine spannende und wirkungsvolle Geschichte gewährleisten und regt zur Auseinandersetzung mit gängigen Denkweisen an.

Der Widerspruch zwischen Recht und Rechtsempfinden und die Unzulänglichkeiten der deutschen Rechtssprechung schmerzten beim Lesen des „Volksfestes“.

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Für Zwischendurch: Film „Ein Geheimnis“

Erinnern Sie sich noch – es war einmal „Ein Geheimnis“ und wurde von einer gewissen Louise verraten… Über selbige Louise wurde im Literaturkreis heftig diskutiert – und aus Interviews mit dem Autor Philippe Grimbert zitiert, die diese Person im ansonsten autobiografischen Inhalt als Dichtung entpuppten. 

 

Jetzt ist die Verfilmung des Romans neu im Bestand der Stadtteilbücherei Göggingen (und demnächst sein neuer Roman).

Entdecken Sie

Farbcodes: Schwarzweiß die Szenen, die in der Gegenwart spielen, in Farbe die Vergangenheit  – wie im Roman, in dem die Gegenwart in der Vergangenheitsform und die Vergangenheit in der Gegenwartsform erzählt wird.

Formidable: Julie Depardieu in der Rolle der Louise, für die sie einen „César“ erhielt. 

Wunderbar: Filmmusik von Zbigniew Preisner

Interessant: Die DVD-Extras mit Making of und Interviews, in denen man dem Autor anmerkt, wie er mit der Sprache spielt: das Schlimmste ist das Verschweigen, das im Französischen gleich lautet wie „töten“ – ‚Ce qui est tue peut tuer‘. Oder angesprochen auf den Körperkult der Eltern assoziiert er „corps“ in der Wortbedeutung „Leiche“.  Sein Ziel war es „Wahrheit anhand der Fiktion herauszufinden“, wobei er ersteres mit ‚Brückenpfeilern‘ vergleicht, denen er als Romancier ‚Rundbogen‘ hinzufügt.

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