Monatsarchiv: September 2013

Rückblick auf „Apostoloff“ von Sybille Lewitscharoff

 

Ein sprachlicher Leckerbissen

 Nachlese:  Petra Franek

 Im kalten, mit grellen Deckenleuchten ausgestatteten Erdgeschoss der Stadtteilbücherei – im roten Salon fand eine andere Veranstaltung statt – trafen sich an diesem regnerischen Septemberabend 12 „Leseratten“ . Zum Einstieg ins Thema erklangen per CD einige bulgarische Sätze wie: „ßtraschno mnogo mi chareßwasch !“oder „moga li da te pokanja na edno pitie ?“ (aus: Bulgarisch Wort für Wort, Kauderwelsch Band 51, Osnabrück 2007)

 Es folgten Spontanäußerungen der Leser:“ Das Buch gefiel mir nicht“, „Insgesamt hat es mich Überwindung gekostet, dass Buch zu Ende zu lesen“ oder „Manche Wörter in dem Buch existieren nicht“.

 Einigkeit herrschte bei den Lesern darüber, dass die Autorin in ihrem teilweise autobiographischen Buch ein sprachliches Meisterwerk schuf. Beispielsweise bei der Charakterisierung des toten Vaters Kristo. Er war Arzt und „hatte immer ein Häubchen Schwermut auf dem Kopf“(S.19) Bis zum Schuleintritt seiner Kinder kümmerte er sich liebevoll um sie. Dann war es um den Vater geschehen. Im Frühling – jeweils zwei Monate lang – umwölkte sich sein Geist, und Depressionen nahmen ihm und damit auch seinen Kindern jede Fröhlichkeit. Der Leichengeruch, der seinem Zimmer entströmte, wenn er sich zurückzog, gibt auf bewegende Weise Kindheitseindrücke preis. Nach der Devise „Bitte mich zu entbehren“(Titel von Kapitel 2) zog er sich vom Alltagsleben zurück.

Die zwei namenlosen Schwestern (das Buch ist als Monolog der jüngeren Schwester konzipiert) – sind von unterschiedlicher Mentalität: Die jüngere ist kampflustig und hat eine scharfe Zunge, die ältere ist sanft und scheint nur zuzuhören. Während der Reise durch Bulgarien spuken die Einfälle aus Vergangenheit und Gegenwart nur so durch den Kopf der jüngeren der beiden Schwestern. Vom Chor der Vaterschwärmerinnen“ (S.18) und „Muttermöbeln“ (S.18) ist die Rede.

 Die Landschaftsbeschreibungen Bulgariens, die Essgewohnheiten, die denkwürdigen Bauten und Charakteristiken des Landes fanden ebenso Gefallen wie die Wortspielereien Lewitscharoffs. Die Schriftstellerin  nimmt keinerlei Rücksicht, sei es auf nahe Verwandte oder das ferne Bulgarien „Dreck, Zwingdreck, Kraftdreck, Volldreck“ (S.118), mit der sie die monströse Denkmalkultur in Bulgarien geißelt. Und: Über allem schwebt der Geist des toten Vaters. Es ist eine Reise zwischen Ost und West, zwischen der Mentalität des bulgarischen Volkes und der Schwaben um Stuttgart herum.

 Am 26. Oktober 2013 erhält Sibyille Lewitscharoff in Darmstadt den bedeutendesten Literaturpreis in der Bundesrepublik Deutschland: Den Büchner Preis. In der Jury-Begründung heißt es u.a., die Schriftstellerin habe

„mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Fantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere alltägliche Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage gestellt“ (in: Buch aktuell. Autoren, Trends u. neue Themen, Herbst 2013, S.6)

 Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Zu den vorherigen Preisträgern gehören unter anderem Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und Christa Wolf, sowie die Lyriker Peter Rühmkorf, Durs Grünbein und Oskar Pastior.

Resümee:

Die Autorin nimmt mit ihrer Ideenvielfalt der Tragik des Lebens den Ernst und die Düsternis. Mit ihrem Humor schafft sie Distanz und verwandelt das Buch in eine stilistisch wagemutige Unterhaltung.

Angemerkt: Die Geschichte mit ihren Eltern ist ganz und gar nicht „erzkomisch“, wie das der Klappentext des Buches verzeichnet, sondern im Grunde ernst und todtraurig.

WEITERFÜHRENDE LITERATUR: 

Kienzle, Ulrich. Ulrich Kienzle und die Siebzehn Schwaben. Stuttgart 2012 S.82 – 96 Sybille Lewitscharoff. Die Sprachtüftlerin.

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