Monatsarchiv: Januar 2014

Rückblick: Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

Besprechung von Ellen Mann 

Die Geschichte beginnt wie ein Kriminalroman: Laura, die Ehefrau des Protagonisten Peter Taler, wird an ihrer Wohnungstür hinterrücks erschossen. Talers Welt zerbricht. Sein Lebensinhalt ist fortan die Rache und die Suche nach dem Mörder, den er mit einer Art „Anhalten der Zeit“ zu finden hofft, indem er immer wieder die letzte geplante Mahlzeit mit Laura bis ins Detail inszeniert und in ihrer gemeinsamen Wohnung nichts verändert, um den entscheidenden Hinweis auf ihren Mörder nicht zu verpassen. Sein verschrobener Nachbar Knupp, der seine Frau 20 Jahre zuvor verlor, geht noch weiter: Er versucht, die Zeit gar zurück zu drehen und lässt sich dazu von dem Buch „Der Irrtum Zeit“ anleiten: 

Zitat S. 59: „Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod.“…Es gibt nur ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkennt sie nur an ihren Symptomen. Wenn die weg sind, dann ist auch die Krankheit weg.“ 

In mühevoller Kleinarbeit versucht Knupp, seine unmittelbare Umgebung mit Hilfe von früheren Photos exakt in den Zustand vor dem Tod seiner Frau zurückzuversetzen, also die Veränderung zum Verschwinden zu bringen. Dabei schreckt er auch nicht vor Übergriffen auf nachbarschaftliches Gelände und plastisch-chirurgischen Eingriffen an sich selbst zurück. Taler und Knupp schließen sich allmählich zu einer Zweck- und Leidensgemeinschaft zusammen mit dem verwegenen Plan, die Zeit zu manipulieren und äußerlich zurückzudrehen, um ihre Frauen wieder zum Leben zu erwecken und ihrem sinnlos gewordenen Dasein als Witwer ein Ende zu setzen. 

Das Projekt entwickelt eine Eigendynamik, die immer bizarrer wird und Helfer erforderlich macht, die sich nicht scheuen, aus dem verrückten und zwanghaften Ansinnen der beiden Zeitmanipulatoren Geld zu schlagen. In Nebenhandlungen und als Würze der Geschichte tauchen Fehltritte und alte Fehden mit verschiedenen Nachbarn auf. Das Witwer-Duo entwickelt eine enorme kriminelle Energie, die Taler zum Betrüger zwecks Geldbeschaffung macht und Knupp zum Mörder an Talers Frau werden ließ, was sich erst gegen Ende der Geschichte herausstellt und zum furiosen Finale führt. Taler erschießt kaltblütig Knupp, den Mörder seiner Frau………und erwacht, wie aus einem Traum, in einer anderen Zeit. 

Suter beschreibt gekonnt in vielen detailreichen Szenen die Einsamkeit und Trostlosigkeit der beiden tragischen Hauptfiguren, die nie über den Tod ihrer Frauen und ihre Schuldgefühle hinweg gekommen sind und kein Verständnis bei anderen finden. 

Zitat S. 43: „Taler wandte sich um und sah Gerbers aufmunterndes Lächeln. „Das Leben geht weiter.“  Taler spürte den Hass in sich hochsteigen.“ 

Ein zentrales Thema ist der oft gehegte und sehr menschliche Wunsch Trauernder, die Zeit noch einmal zurückzudrehen zu können, um etwas ungeschehen zu machen, von neuem anzufangen, vermeintlich Versäumtes nachzuholen, eine zweite Chance zu bekommen, den Tod zu verhindern etc.. Im Roman wird dieses Bedürfnis in skurrile Aktion umgesetzt. Dabei arbeitet Suter sehr gut heraus, wie eine objektiv ziemlich verrückte Idee bei Menschen, die dafür empfänglich sind und keinen anderen Lebensinhalt mehr haben, in die Tat umgesetzt wird mit allen Maßnahmen und Konsequenzen, die das System des Plans erfordert. Auf andere wird dabei keine Rücksicht mehr genommen, ebenso wenig auf Recht und Gesetz.  Nur noch der Plan zählt, selbst wenn dabei über Leichen gegangen werden muss.

Auch wenn das Buch durch die detaillierten Beschreibungen manchmal etwas langatmig werden konnte, sorgte es doch für eine lebhafte, spannende und zum Teil kontroverse Diskussion bei den zahlreich erschienenen TeilnehmerInnen des Literaturkreises. Es kamen sehr interessante Anmerkungen zur Zeitmessung und zum Zeitempfinden zur Sprache. Aber auch zum Thema Umgang mit Trauer, Schuld, Vergänglichkeit und unwiederbringlichem Verlust wurden sehr gute Beiträge und persönliche Erfahrungen eingebracht und darauf hingewiesen, dass Suters Buch seinem Adoptivsohn Toni gewidmet ist, der 2009 im Alter von drei Jahren bei einem tragischen Unfall starb.

 

Literaturbeispiele, in denen auch mit der Zeit gespielt wird:  F. Scott Fitzgerald: Der seltsame Fall des Benjamin Button ( auch als Fildm sehr gut!)

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorina Gray 

 

 

 

 

 

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