Rückblick: Emma Donoghue, Raum

 

von Ellen Mann

Passend zum Thema des Romans RAUM trafen sich die Mitglieder des Lesekreises diesmal in einem kleinen Raum der Stadtbücherei, dessen farbig markierte  Grenzen die Enge verdeutlichten, in der die Protagonisten des Romans jahrelang leben mussten. 

RAUM ist aus Kinderperspektive in Kindersprache geschrieben und beschreibt das Leben einer entführten jungen Frau in einer schalldichten Zelle, Tatort eines sieben Jahre andauernden Missbrauchs durch ihren Entführer und Vergewaltiger „Old Nick“. Ein Entkommen scheint unmöglich. Überlebenswille, Trost und Hoffnung gibt ihr Jack, ihr fünfjähriger Sohn und Erzähler, der im RAUM geboren wurde und in dieser kleinen Welt Beziehungen knüpft zu seltenen Besuchern wie  Maus, Spinne oder Ameise. Aber auch Einrichtungsgegenstände werden zu Persönlichkeiten mit ihrer eigenen Geschichte. Die Außenwelt erscheint dem Kind als virtuelle Kulisse nur im Fernsehen. Jacks Mutter versucht dem Jungen einen geregelten Alltag zu bieten, fördert ihn im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten und schützt ihn vor seinem Vater, dem Gefängniswärter und Vergewaltiger, indem sie Jack nachts in einen Schrank zum Schlafen schickt, damit ihn sein Vater nicht zu Gesicht bekommt. Erst als Old Nicks Geld knapp wird und er seinen Gefangenen Strom und Heizung abstellt, entwickelt Jacks Mutter einen konkreten Plan zum Ausbruch und übt ihn mit Jack ein. Wider Erwarten gelingt es dem Jungen tatsächlich zu entkommen, mit Hilfe eines Passanten die Polizei zu informieren und seine Mutter damit aus ihrem jahrelangen Martyrium zu befreien.

Wieder bzw. erstmals in Freiheit müssen Mutter und Sohn sich mit den Reaktionen der Außenwelt, Therapeuten, ihren Verwandten, den unterschiedlichen Vorstellungen, was Freiheit und „gesunde“ Kindheit bedeutet und den Geiern der Medienbranche auseinander setzen. Jacks Mutter zerbricht fast daran und kommt bei einem Suizidversuch nur knapp mit dem Leben davon. Jack muss sich mit allem Neuen in seiner Umwelt vertraut machen, mühsam lernen, was für andere Kinder selbstverständlich ist, und wird hin und wieder von Heimweh nach seiner alten Heimat, dem RAUM, gepackt. Aber er macht seinen Weg, wenn auch holperig, unterstützt von seiner Großmutter und seinem wortkargen, einfühlsamen Stiefgroßvater Leo. 

Emma Donoghue wurde zu dem Roman, erschienen 2010, unter anderem von der grausamen Gefangenschaft der Elisabeth Fritzl inspiriert, die von ihrem Vater und Vergewaltiger  jahrelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde und dort mehrere Kinder zur Welt brachte. Die Erzählung aus der Perspektive des Kindes lässt die Geschichte zunächst weniger grausam und erschreckend wirken, Beklemmung und eine unterschwellige Spannung bleiben aber erhalten und nehmen zu, als der Befreiungsplan umgesetzt wird.

In der Diskussion wurde von mehreren Teilnehmerinnen die etwas unecht klingende Sprachstörung des Jungen kritisiert, woran teilweise auch die Übersetzung schuld sein mag, und es kam die Frage auf, ob ein Fünfjähriger überhaupt als Ich-Erzähler authentisch eine solche Geschichte darstellen könne. Einzelne Handlungsstränge im Roman wurden als nicht sehr glaubwürdig gewertet.

Eine Stärke des Romans ist die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Meinungen, Perspektiven und Ideen, was ein Kind braucht, um glücklich zu sein und um sich gut zu entwickeln. Wie viel räumliche Freiheit und materielle Unterstützung braucht ein Kind überhaupt, wenn es eine gute Bindung und liebevolle Beziehung zu seiner Mutter hat, die es fördert und ermutigt? Jack bezieht hierzu klar Stellung. Wer im Mikrokosmos symbiotisch mit der Mutter glücklich aufwächst, braucht keinen Makrokosmos oder ist in ihm sogar unglücklich und überfordert. Trotzdem erweitert Jack nach und nach seinen Horizont und nutzt die neu gewonnene Freiheit. RAUM bleibt für ihn schließlich dank seiner engagierten Mutter eine schöne Kindheits-erinnerung, für seine Mutter hingegen ein Alptraum, aus dem sie entkommen ist und den sie nur dank Jack hat durchstehen können.

Trotz einiger Schwächen ein ungewöhnlicher und spannender Roman, der zum Nachdenken und Perspektivenwechsel anregt.

 

 

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