Monatsarchiv: März 2014

Rückblick: Robert Seethaler, Der Trafikant

von Ellen Mann 

 

„Der Trafikant“ ist die tragische, mit viel subtilem Humor durchsetzte Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien geschickt wird, um dort zum Trafikanten ausgebildet zu werden. Sein Lehrherr, ein würdevoller und geradliniger Kriegsveteran, hat den Verkauf von Zigarren und Zeitungen fast zu einer Kunst weiter entwickelt und überträgt Franz mehr und mehr Verantwortung. Franz taucht in die neue Umgebung ein, die sich krass von seiner alten Welt auf dem Land unterscheidet, verliebt sich und freundet sich mit einem besonderen Kunden der Trafik an, Sigmund Freud. Mit ihm berät sich Franz über den unglücklichen Verlauf seiner Liebschaft mit einer unsteten böhmischen Varietée-Tänzerin.

Die Protagonisten werden von den politischen Ereignissen überrollt:  Hitler annektiert Österreich und die Nazis tyrannisieren und töten jene, die sich nicht in ihr Weltbild einfügen wollen. Franz’ Lehrherr Otto Trsnjek fällt ihnen zum Opfer und kommt um. Sigmund Freud emigriert rechtzeitig nach England. Franz übernimmt die Trafik und wird zuletzt in einem Akt der Auflehnung gegen die terroristische Willkür der Nazis selbst zum Opfer.

Alle Beteiligten des Literaturkreises waren sich einig, dass „Der Trafikant“  eine wunderbar erzählte und in sich stimmige Geschichte ist. Erzählt aus der Perspektive eines manchmal etwas naiven, aber gutherzigen Jugendlichen, werden die einfachen Bürger mit ihren Schrullen, Denkweisen, Schwächen und Widersprüchen mit leiser Ironie, aber liebevoll dargestellt. Durch den ganzen Roman zieht sich jedoch auch die Bedrohung durch die Nazis, die Seethaler zum Teil unterschwellig und bildhaft andeutet, später dann mittels vieler kleiner Situationen und Ereignisse spannend beschreibt. Sein Stil ist geradlinig, die Sprache ist passend zu den Protagonisten einfach und natürlich österreichisch eingefärbt, gleichzeitig sehr berührend und humorvoll. Ein sehr lesenswertes und nachdenklich machendes Buch.

Literaturempfehlung: Hans Fallada „Jeder stirbt für sich allein“.

 

Advertisements

Kommentare deaktiviert für Rückblick: Robert Seethaler, Der Trafikant

Eingeordnet unter Autoren P-T, Rückschau