Archiv der Kategorie: Rückschau

Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend

Am Abend des 8.Januars 2015 fanden sich die TeilnehmerInnen zum ersten Literaturkreis des Jahres 2015 ein. Besprochen wurde der Titel „Im Café der verlorenen Jugend“ des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano.

Der Roman rief bei den Teilnehmern unterschiedliche Begeisterung hervor. Von „gelungener Schilderung einer vergangenen Epoche“ bis hin zu „fad, langweilig und dahinplätschernd“ reichten die Meinungsäußerungen. Das Buch erzählt aus verschiedenen Perspektiven vom Leben der französischen Boheme im Paris der 60er Jahre. Eine graue, verwaschene Novemberstimmung durchzieht das Buch und zeigt dem Leser wie durch ein Glas noch einmal den Mikrokosmos der französischen Kaffeehaussitzer.

Modiano - Café der verlorenen Jugend

Werbeanzeigen

Kommentare deaktiviert für Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend

Eingeordnet unter Rückschau

Rückblick: Robert Harris, Ghost

von Christine Andrä

 

Was ist das nun für ein Buch – ein Krimi, eine politische Biographie?

Die Situation ist klaustrophobisch: ein ehemaliger Premierminister, umkreist von seinem „Hofstaat“, ist eingesperrt in das futuristische Ferienhaus seines Verlegers um ihm die ausstehenden Memoiren abzuzwingen. Neue Bewegung bringt der Ghostwriter, der ihm unterstützen soll. Dieser, für seine Einfühlung renommierte „Ghost“ macht seinem Beruf alle Ehre: unscheinbar, nahezu ohne eigenes Leben, im Buch sogar ohne Namen. Er erzählt aus seiner Perspektive und verrät dabei viele interessante Details über sein Handwerk. Nach dem zögerlichen Beginn der Geschichte stößt er aber auch eine, im wahrsten Sinne des Wortes fatale Entwicklung an, als er die Grenzen seines Jobs überschreitet und selbständig recherchiert.
Der Umgang mit Daten – verschwundene mails samt gewichtigem Anhang, Kommunikation mit Einweghandys – erschien den Lesern beim Erscheinen des Buchs 2007 wohl etwas krass. Wir wissen es heute besser!

Facit im Lesekreis: keine große Literatur aber spannende Unterhaltung oder ganz im Trend: Gefällt uns!
Besonders gut gefällt aber auch die meisterhaft konzentriert Verfilmung des Buchs von Roman Polanski.

 

Kommentare deaktiviert für Rückblick: Robert Harris, Ghost

Eingeordnet unter Autoren F-J, Rückschau

Rückblick: Robert Seethaler, Der Trafikant

von Ellen Mann 

 

„Der Trafikant“ ist die tragische, mit viel subtilem Humor durchsetzte Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien geschickt wird, um dort zum Trafikanten ausgebildet zu werden. Sein Lehrherr, ein würdevoller und geradliniger Kriegsveteran, hat den Verkauf von Zigarren und Zeitungen fast zu einer Kunst weiter entwickelt und überträgt Franz mehr und mehr Verantwortung. Franz taucht in die neue Umgebung ein, die sich krass von seiner alten Welt auf dem Land unterscheidet, verliebt sich und freundet sich mit einem besonderen Kunden der Trafik an, Sigmund Freud. Mit ihm berät sich Franz über den unglücklichen Verlauf seiner Liebschaft mit einer unsteten böhmischen Varietée-Tänzerin.

Die Protagonisten werden von den politischen Ereignissen überrollt:  Hitler annektiert Österreich und die Nazis tyrannisieren und töten jene, die sich nicht in ihr Weltbild einfügen wollen. Franz’ Lehrherr Otto Trsnjek fällt ihnen zum Opfer und kommt um. Sigmund Freud emigriert rechtzeitig nach England. Franz übernimmt die Trafik und wird zuletzt in einem Akt der Auflehnung gegen die terroristische Willkür der Nazis selbst zum Opfer.

Alle Beteiligten des Literaturkreises waren sich einig, dass „Der Trafikant“  eine wunderbar erzählte und in sich stimmige Geschichte ist. Erzählt aus der Perspektive eines manchmal etwas naiven, aber gutherzigen Jugendlichen, werden die einfachen Bürger mit ihren Schrullen, Denkweisen, Schwächen und Widersprüchen mit leiser Ironie, aber liebevoll dargestellt. Durch den ganzen Roman zieht sich jedoch auch die Bedrohung durch die Nazis, die Seethaler zum Teil unterschwellig und bildhaft andeutet, später dann mittels vieler kleiner Situationen und Ereignisse spannend beschreibt. Sein Stil ist geradlinig, die Sprache ist passend zu den Protagonisten einfach und natürlich österreichisch eingefärbt, gleichzeitig sehr berührend und humorvoll. Ein sehr lesenswertes und nachdenklich machendes Buch.

Literaturempfehlung: Hans Fallada „Jeder stirbt für sich allein“.

 

Kommentare deaktiviert für Rückblick: Robert Seethaler, Der Trafikant

Eingeordnet unter Autoren P-T, Rückschau

Rückblick: Emma Donoghue, Raum

 

von Ellen Mann

Passend zum Thema des Romans RAUM trafen sich die Mitglieder des Lesekreises diesmal in einem kleinen Raum der Stadtbücherei, dessen farbig markierte  Grenzen die Enge verdeutlichten, in der die Protagonisten des Romans jahrelang leben mussten. 

RAUM ist aus Kinderperspektive in Kindersprache geschrieben und beschreibt das Leben einer entführten jungen Frau in einer schalldichten Zelle, Tatort eines sieben Jahre andauernden Missbrauchs durch ihren Entführer und Vergewaltiger „Old Nick“. Ein Entkommen scheint unmöglich. Überlebenswille, Trost und Hoffnung gibt ihr Jack, ihr fünfjähriger Sohn und Erzähler, der im RAUM geboren wurde und in dieser kleinen Welt Beziehungen knüpft zu seltenen Besuchern wie  Maus, Spinne oder Ameise. Aber auch Einrichtungsgegenstände werden zu Persönlichkeiten mit ihrer eigenen Geschichte. Die Außenwelt erscheint dem Kind als virtuelle Kulisse nur im Fernsehen. Jacks Mutter versucht dem Jungen einen geregelten Alltag zu bieten, fördert ihn im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten und schützt ihn vor seinem Vater, dem Gefängniswärter und Vergewaltiger, indem sie Jack nachts in einen Schrank zum Schlafen schickt, damit ihn sein Vater nicht zu Gesicht bekommt. Erst als Old Nicks Geld knapp wird und er seinen Gefangenen Strom und Heizung abstellt, entwickelt Jacks Mutter einen konkreten Plan zum Ausbruch und übt ihn mit Jack ein. Wider Erwarten gelingt es dem Jungen tatsächlich zu entkommen, mit Hilfe eines Passanten die Polizei zu informieren und seine Mutter damit aus ihrem jahrelangen Martyrium zu befreien.

Wieder bzw. erstmals in Freiheit müssen Mutter und Sohn sich mit den Reaktionen der Außenwelt, Therapeuten, ihren Verwandten, den unterschiedlichen Vorstellungen, was Freiheit und „gesunde“ Kindheit bedeutet und den Geiern der Medienbranche auseinander setzen. Jacks Mutter zerbricht fast daran und kommt bei einem Suizidversuch nur knapp mit dem Leben davon. Jack muss sich mit allem Neuen in seiner Umwelt vertraut machen, mühsam lernen, was für andere Kinder selbstverständlich ist, und wird hin und wieder von Heimweh nach seiner alten Heimat, dem RAUM, gepackt. Aber er macht seinen Weg, wenn auch holperig, unterstützt von seiner Großmutter und seinem wortkargen, einfühlsamen Stiefgroßvater Leo. 

Emma Donoghue wurde zu dem Roman, erschienen 2010, unter anderem von der grausamen Gefangenschaft der Elisabeth Fritzl inspiriert, die von ihrem Vater und Vergewaltiger  jahrelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde und dort mehrere Kinder zur Welt brachte. Die Erzählung aus der Perspektive des Kindes lässt die Geschichte zunächst weniger grausam und erschreckend wirken, Beklemmung und eine unterschwellige Spannung bleiben aber erhalten und nehmen zu, als der Befreiungsplan umgesetzt wird.

In der Diskussion wurde von mehreren Teilnehmerinnen die etwas unecht klingende Sprachstörung des Jungen kritisiert, woran teilweise auch die Übersetzung schuld sein mag, und es kam die Frage auf, ob ein Fünfjähriger überhaupt als Ich-Erzähler authentisch eine solche Geschichte darstellen könne. Einzelne Handlungsstränge im Roman wurden als nicht sehr glaubwürdig gewertet.

Eine Stärke des Romans ist die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Meinungen, Perspektiven und Ideen, was ein Kind braucht, um glücklich zu sein und um sich gut zu entwickeln. Wie viel räumliche Freiheit und materielle Unterstützung braucht ein Kind überhaupt, wenn es eine gute Bindung und liebevolle Beziehung zu seiner Mutter hat, die es fördert und ermutigt? Jack bezieht hierzu klar Stellung. Wer im Mikrokosmos symbiotisch mit der Mutter glücklich aufwächst, braucht keinen Makrokosmos oder ist in ihm sogar unglücklich und überfordert. Trotzdem erweitert Jack nach und nach seinen Horizont und nutzt die neu gewonnene Freiheit. RAUM bleibt für ihn schließlich dank seiner engagierten Mutter eine schöne Kindheits-erinnerung, für seine Mutter hingegen ein Alptraum, aus dem sie entkommen ist und den sie nur dank Jack hat durchstehen können.

Trotz einiger Schwächen ein ungewöhnlicher und spannender Roman, der zum Nachdenken und Perspektivenwechsel anregt.

 

 

Kommentare deaktiviert für Rückblick: Emma Donoghue, Raum

Eingeordnet unter Autoren A-E, Rückschau

Rückblick: Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

Besprechung von Ellen Mann 

Die Geschichte beginnt wie ein Kriminalroman: Laura, die Ehefrau des Protagonisten Peter Taler, wird an ihrer Wohnungstür hinterrücks erschossen. Talers Welt zerbricht. Sein Lebensinhalt ist fortan die Rache und die Suche nach dem Mörder, den er mit einer Art „Anhalten der Zeit“ zu finden hofft, indem er immer wieder die letzte geplante Mahlzeit mit Laura bis ins Detail inszeniert und in ihrer gemeinsamen Wohnung nichts verändert, um den entscheidenden Hinweis auf ihren Mörder nicht zu verpassen. Sein verschrobener Nachbar Knupp, der seine Frau 20 Jahre zuvor verlor, geht noch weiter: Er versucht, die Zeit gar zurück zu drehen und lässt sich dazu von dem Buch „Der Irrtum Zeit“ anleiten: 

Zitat S. 59: „Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod.“…Es gibt nur ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkennt sie nur an ihren Symptomen. Wenn die weg sind, dann ist auch die Krankheit weg.“ 

In mühevoller Kleinarbeit versucht Knupp, seine unmittelbare Umgebung mit Hilfe von früheren Photos exakt in den Zustand vor dem Tod seiner Frau zurückzuversetzen, also die Veränderung zum Verschwinden zu bringen. Dabei schreckt er auch nicht vor Übergriffen auf nachbarschaftliches Gelände und plastisch-chirurgischen Eingriffen an sich selbst zurück. Taler und Knupp schließen sich allmählich zu einer Zweck- und Leidensgemeinschaft zusammen mit dem verwegenen Plan, die Zeit zu manipulieren und äußerlich zurückzudrehen, um ihre Frauen wieder zum Leben zu erwecken und ihrem sinnlos gewordenen Dasein als Witwer ein Ende zu setzen. 

Das Projekt entwickelt eine Eigendynamik, die immer bizarrer wird und Helfer erforderlich macht, die sich nicht scheuen, aus dem verrückten und zwanghaften Ansinnen der beiden Zeitmanipulatoren Geld zu schlagen. In Nebenhandlungen und als Würze der Geschichte tauchen Fehltritte und alte Fehden mit verschiedenen Nachbarn auf. Das Witwer-Duo entwickelt eine enorme kriminelle Energie, die Taler zum Betrüger zwecks Geldbeschaffung macht und Knupp zum Mörder an Talers Frau werden ließ, was sich erst gegen Ende der Geschichte herausstellt und zum furiosen Finale führt. Taler erschießt kaltblütig Knupp, den Mörder seiner Frau………und erwacht, wie aus einem Traum, in einer anderen Zeit. 

Suter beschreibt gekonnt in vielen detailreichen Szenen die Einsamkeit und Trostlosigkeit der beiden tragischen Hauptfiguren, die nie über den Tod ihrer Frauen und ihre Schuldgefühle hinweg gekommen sind und kein Verständnis bei anderen finden. 

Zitat S. 43: „Taler wandte sich um und sah Gerbers aufmunterndes Lächeln. „Das Leben geht weiter.“  Taler spürte den Hass in sich hochsteigen.“ 

Ein zentrales Thema ist der oft gehegte und sehr menschliche Wunsch Trauernder, die Zeit noch einmal zurückzudrehen zu können, um etwas ungeschehen zu machen, von neuem anzufangen, vermeintlich Versäumtes nachzuholen, eine zweite Chance zu bekommen, den Tod zu verhindern etc.. Im Roman wird dieses Bedürfnis in skurrile Aktion umgesetzt. Dabei arbeitet Suter sehr gut heraus, wie eine objektiv ziemlich verrückte Idee bei Menschen, die dafür empfänglich sind und keinen anderen Lebensinhalt mehr haben, in die Tat umgesetzt wird mit allen Maßnahmen und Konsequenzen, die das System des Plans erfordert. Auf andere wird dabei keine Rücksicht mehr genommen, ebenso wenig auf Recht und Gesetz.  Nur noch der Plan zählt, selbst wenn dabei über Leichen gegangen werden muss.

Auch wenn das Buch durch die detaillierten Beschreibungen manchmal etwas langatmig werden konnte, sorgte es doch für eine lebhafte, spannende und zum Teil kontroverse Diskussion bei den zahlreich erschienenen TeilnehmerInnen des Literaturkreises. Es kamen sehr interessante Anmerkungen zur Zeitmessung und zum Zeitempfinden zur Sprache. Aber auch zum Thema Umgang mit Trauer, Schuld, Vergänglichkeit und unwiederbringlichem Verlust wurden sehr gute Beiträge und persönliche Erfahrungen eingebracht und darauf hingewiesen, dass Suters Buch seinem Adoptivsohn Toni gewidmet ist, der 2009 im Alter von drei Jahren bei einem tragischen Unfall starb.

 

Literaturbeispiele, in denen auch mit der Zeit gespielt wird:  F. Scott Fitzgerald: Der seltsame Fall des Benjamin Button ( auch als Fildm sehr gut!)

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorina Gray 

 

 

 

 

 

Kommentare deaktiviert für Rückblick: Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

Eingeordnet unter Autoren P-T, Rückschau

Rückschau DAS LÄSST SICH ÄNDERN von Birgit Vanderbeke

Buchbesprechung: Petra Franek

Die namenlose Ich – Erzählerin, eine Tochter aus gutsituiertem Hause verliebt sich – entgegen dem Gutheißen ihrer Eltern – in Adam.

Wenn Adam, ein Handwerker, „mal“ spricht, dann meist mit den Worten Rio Reisers. Er ist ein Fan der Politrockband „Ton, Steine, Scherben“ (http://de.wikepedia.org/wiki/Ton_Steine_Scherben“).

Die Eltern der Ich-Erzählerin haben zwar Berthold Brecht im Bücherregal stehen „aber wenn die eigene Tochter einem solche Leute wie Adam Czupek ins Haus schleppt, merkt man das Kultur etwas anderes ist als das wirkliche Leben“ (S.12).

Nichts desto trotz werden sie in den 80ziger Jahren Großeltern von zwei Kindern.

Auf rund 150 Seiten erzählt Birgit Vanderbeke in wunderbar lakonischer Ausdrucksweise von Freundschaft und Solidarität. Die Autorin verbindet in vergnüglicher Form Zeitgeschichte mit der Sehnsucht nach einem einfachen, naturnahen und sinnhaften Leben.

Eine kurzweilige Lektüre. Flott, heiter und zuversichtlich !

Auf diesem Wege verabschiede ich mich nach rund zweieinhalb Jahren von meiner Tätigkeit als Moderatorin und „Nachlesen“ schreibende Teilnehmerin des Gögginger Literaturkreises. Die Erfahrungen, dass Lesen und der Austausch darüber wunderbar sind, teile ich weiterhin sehr gerne mit Ihnen. Oder mit den Worten von „Ton, Steine,Scherben“: „Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute. Lernt euch kennen.“ (aus: Keine Macht für niemand)

Kommentare deaktiviert für Rückschau DAS LÄSST SICH ÄNDERN von Birgit Vanderbeke

Eingeordnet unter Autoren U-Z, Rückschau

Rückblick auf „Apostoloff“ von Sybille Lewitscharoff

 

Ein sprachlicher Leckerbissen

 Nachlese:  Petra Franek

 Im kalten, mit grellen Deckenleuchten ausgestatteten Erdgeschoss der Stadtteilbücherei – im roten Salon fand eine andere Veranstaltung statt – trafen sich an diesem regnerischen Septemberabend 12 „Leseratten“ . Zum Einstieg ins Thema erklangen per CD einige bulgarische Sätze wie: „ßtraschno mnogo mi chareßwasch !“oder „moga li da te pokanja na edno pitie ?“ (aus: Bulgarisch Wort für Wort, Kauderwelsch Band 51, Osnabrück 2007)

 Es folgten Spontanäußerungen der Leser:“ Das Buch gefiel mir nicht“, „Insgesamt hat es mich Überwindung gekostet, dass Buch zu Ende zu lesen“ oder „Manche Wörter in dem Buch existieren nicht“.

 Einigkeit herrschte bei den Lesern darüber, dass die Autorin in ihrem teilweise autobiographischen Buch ein sprachliches Meisterwerk schuf. Beispielsweise bei der Charakterisierung des toten Vaters Kristo. Er war Arzt und „hatte immer ein Häubchen Schwermut auf dem Kopf“(S.19) Bis zum Schuleintritt seiner Kinder kümmerte er sich liebevoll um sie. Dann war es um den Vater geschehen. Im Frühling – jeweils zwei Monate lang – umwölkte sich sein Geist, und Depressionen nahmen ihm und damit auch seinen Kindern jede Fröhlichkeit. Der Leichengeruch, der seinem Zimmer entströmte, wenn er sich zurückzog, gibt auf bewegende Weise Kindheitseindrücke preis. Nach der Devise „Bitte mich zu entbehren“(Titel von Kapitel 2) zog er sich vom Alltagsleben zurück.

Die zwei namenlosen Schwestern (das Buch ist als Monolog der jüngeren Schwester konzipiert) – sind von unterschiedlicher Mentalität: Die jüngere ist kampflustig und hat eine scharfe Zunge, die ältere ist sanft und scheint nur zuzuhören. Während der Reise durch Bulgarien spuken die Einfälle aus Vergangenheit und Gegenwart nur so durch den Kopf der jüngeren der beiden Schwestern. Vom Chor der Vaterschwärmerinnen“ (S.18) und „Muttermöbeln“ (S.18) ist die Rede.

 Die Landschaftsbeschreibungen Bulgariens, die Essgewohnheiten, die denkwürdigen Bauten und Charakteristiken des Landes fanden ebenso Gefallen wie die Wortspielereien Lewitscharoffs. Die Schriftstellerin  nimmt keinerlei Rücksicht, sei es auf nahe Verwandte oder das ferne Bulgarien „Dreck, Zwingdreck, Kraftdreck, Volldreck“ (S.118), mit der sie die monströse Denkmalkultur in Bulgarien geißelt. Und: Über allem schwebt der Geist des toten Vaters. Es ist eine Reise zwischen Ost und West, zwischen der Mentalität des bulgarischen Volkes und der Schwaben um Stuttgart herum.

 Am 26. Oktober 2013 erhält Sibyille Lewitscharoff in Darmstadt den bedeutendesten Literaturpreis in der Bundesrepublik Deutschland: Den Büchner Preis. In der Jury-Begründung heißt es u.a., die Schriftstellerin habe

„mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Fantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere alltägliche Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage gestellt“ (in: Buch aktuell. Autoren, Trends u. neue Themen, Herbst 2013, S.6)

 Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Zu den vorherigen Preisträgern gehören unter anderem Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und Christa Wolf, sowie die Lyriker Peter Rühmkorf, Durs Grünbein und Oskar Pastior.

Resümee:

Die Autorin nimmt mit ihrer Ideenvielfalt der Tragik des Lebens den Ernst und die Düsternis. Mit ihrem Humor schafft sie Distanz und verwandelt das Buch in eine stilistisch wagemutige Unterhaltung.

Angemerkt: Die Geschichte mit ihren Eltern ist ganz und gar nicht „erzkomisch“, wie das der Klappentext des Buches verzeichnet, sondern im Grunde ernst und todtraurig.

WEITERFÜHRENDE LITERATUR: 

Kienzle, Ulrich. Ulrich Kienzle und die Siebzehn Schwaben. Stuttgart 2012 S.82 – 96 Sybille Lewitscharoff. Die Sprachtüftlerin.

Kommentare deaktiviert für Rückblick auf „Apostoloff“ von Sybille Lewitscharoff

Eingeordnet unter Autoren K-O, Rückschau